Folge 2: Tumorheterogenität? Wichtige Erkenntnisse für die klinische Praxis. Stefan Fröhling von HEROES-AYA
Shownotes
Willkommen zur zweiten Folge der dritten Staffel „Tatort Krebs“ – dem Forschungspodcast der Nationalen Dekade gegen Krebs, einer Initiative des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt. In dieser Staffel stellen wir in kurzen To-Go-Folgen verschiedene Krebsforschungsprojekte aus dem Umfeld der Dekade vor.
In dieser Folge geht es um das Forschungsprojekt Heroes AYA. In einem bundesweiten Verbund untersuchen Forschende gemeinsam mit Ärztinnen und Ärzten sowie Patientinnen und Patienten die Tumorheterogenität – also das Phänomen, dass Tumorzellen innerhalb eines Tumors oder zwischen verschiedenen Tumoren desselben Typs nicht identisch sind. Am Beispiel von Knochen- und Weichteilsarkomen wollen sie erforschen, wie sich Tumorerkrankungen auf zellulärer und molekularer Ebene entwickeln und wie sich diese Erkenntnisse in der klinischen Praxis nutzen lassen. Wie das gelingt, darüber haben wir im Interview mit dem Projektleiter Prof. Dr. Stefan Fröhling gesprochen.
Lesen Sie auch unseren Artikel mit weiteren Infos zum Projekt: https://www.dekade-gegen-krebs.de/de/wir-ueber-uns/aktuelles-aus-der-dekade/_documents/neue-hoffnung-fuer-junge-menschen.html
Zur Projektwebseite von DECIPHER-M: https://www.dekade-gegen-krebs.de/de/wir-ueber-uns/aktuelles-aus-der-dekade/_documents/untersuchung-der-tumorheterogenitaet.html?nn=474168
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Transkript anzeigen
00:00:03: Tatort Krebs – Der
00:00:05: Forschungspodcast der nationalen Dekade gegen Krebs.
00:00:18: In dieser Folge
00:00:19: geht es um das Forschungsprojekt Heroes AYA.
00:00:22: In einem bundesweiten Verbund untersuchen die Forschenden gemeinsam
00:00:25: mit Ärztinnen und Ärzten
00:00:26: sowie Patientinnen und Patienten die sogenannte Tumorheterogenität,
00:00:30: also das Phänomen, dass Tumorzellen innerhalb eines Tumors
00:00:33: oder zwischen verschiedenen Tumoren desselben Typs nicht identisch sind.
00:00:37: Am Beispiel von Knochen- und Weichteilsarkomen
00:00:39: wollen sie erforschen,
00:00:40: wie sich Tumorerkrankungen auf zellulärer und molekularer Ebene entwickeln
00:00:44: und wie sich diese Erkenntnisse in der klinischen Praxis nutzen lassen.
00:00:48: Darüber spreche ich heute mit Professor Dr.
00:00:50: Stefan Fröhling. Herzlich willkommen!
00:00:53: Wer sind Sie und was ist Ihr besonderes Talent?
00:00:56: Mein Name ist Stefan Fröhling.
00:00:58: Ich arbeite in Heidelberg.
00:01:00: Ich bin dort beschäftigt am Deutschen Krebsforschungszentrum,
00:01:03: dem DKFZ, als Leiter der Abteilung Translationale Medizinische Onkologie.
00:01:08: Außerdem bin ich geschäftsführender Direktor am Nationalen Centrum
00:01:12: für Tumorerkrankungen, dem NCT, in Heidelberg.
00:01:15: Ich bin Mediziner und ich arbeite gewissermaßen
00:01:18: an der Schnittstelle zwischen Krebsforschung
00:01:21: und Krebsmedizin in der sogenannten translationalen Onkologie.
00:01:26: Frage nach einem besonderen Talent ist eine Schwierige.
00:01:29: Ich würde sagen, dass ich gerne in Teams arbeite.
00:01:32: Ich würde mich selber als Mannschaftsspieler
00:01:34: bezeichnen, der gerne und es klingt ein bisschen unbescheiden,
00:01:38: aber ich sage es trotzdem gut mit anderen zusammenarbeitet.
00:01:42: Was hat Sie motiviert, in die Krebsforschung zu gehen?
00:01:45: Während des Medizinstudiums
00:01:46: habe ich festgestellt, dass mich nicht nur die klinischen Aspekte
00:01:50: der Medizin interessieren, sondern auch die biologischen Grundlagen,
00:01:54: insbesondere im Zusammenhang mit Krebserkrankungen.
00:01:57: Also ich habe Vorlesungen und Kurse sehr interessant und faszinierend gefunden,
00:02:01: bei denen es um die Entstehungsmechanismen von Krebserkrankungen ging.
00:02:06: Im weiteren Verlauf hatte ich dann den Entschluss gefasst,
00:02:09: eine experimentelle Doktorarbeit zu suchen auf dem Gebiet der Krebsforschung.
00:02:14: Und über diesen Weg bin ich letztlich in dem Feld gelandet,
00:02:18: auf dem ich heute tätig bin.
00:02:20: Eben an der zuvor erwähnten Schnittstelle zwischen Krebsforschung und Krebsmedizin.
00:02:24: An welchem Projekt arbeiten Sie zurzeit und worum geht es?
00:02:27: Also ein großes, sehr ambitioniertes Projekt,
00:02:31: das uns im Moment beschäftigt, ist das sogenannte Heroes AYA Projekt.
00:02:36: Das ist ein Verbundprojekt, und das Thema dieses Projekts
00:02:41: ist ganz allgemein gesprochen die sogenannte Tumorheterogenität.
00:02:46: Das bedeutet, dass eine Krebserkrankung, ein bösartiger Tumor,
00:02:52: keine homogene, uniforme Masse ist, gewissermaßen,
00:02:57: sondern dass ein solcher Tumor heterogen ist, also vielgestaltig.
00:03:01: Eine Tumorerkrankung besteht aus unterschiedlichen Zellverbänden,
00:03:05: die sich unterschiedlich verhalten.
00:03:07: Das ist eine Erkenntnis, die einerseits biologisch sehr interessant ist.
00:03:12: Das ist aber auch von großem klinischen Interesse.
00:03:15: Das hat sich in den letzten Jahren gezeigt,
00:03:17: weil das unterschiedliche Verhalten unterschiedlicher Zellpopulationen
00:03:23: in einem Tumor für bestimmte klinische Phänomene verantwortlich ist.
00:03:28: Zum Beispiel
00:03:29: gibt es bestimmte Zellverbände, die für die Metastasierung,
00:03:32: also die Streuung eines Tumors, verantwortlich sind.
00:03:35: Andere Zellverbände können für ein Rezidiv, also das Wiederkehren
00:03:40: einer Tumorerkrankung, verantwortlich sein.
00:03:43: Bestimmte Zellverbände können dafür verantwortlich sein,
00:03:46: dass eine Tumorerkrankung nicht auf Therapie anspricht.
00:03:49: Wir haben uns überlegt, dass wir dieses Phänomen gerne studieren wollen
00:03:54: und haben uns entschlossen, auf die sogenannten Knochen-
00:03:57: und Weichgewebesarkome zu fokussieren,
00:04:00: also bösartige Tumoren der Knochen und der Weichgewebe,
00:04:05: also im weitesten Sinne der Stützgewebe, der Muskeln, der Sehnen.
00:04:10: Wir haben das aus unterschiedlichen Gründen getan, zum einen
00:04:13: glauben wir, dass diese Tumoren sich biologisch besonders gut
00:04:17: eignen, um das Phänomen der Tumorheterogenität zu untersuchen.
00:04:22: Zum zweiten sind das Erkrankungen, die sehr schwer zu behandeln sind.
00:04:26: Es gibt relativ wenige wirkungsvolle Therapien,
00:04:30: insbesondere medikamentöse Therapien für diese Erkrankungen.
00:04:33: Und drittens betreffen die diese Tumoren sehr häufig
00:04:38: Jugendliche, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene.
00:04:42: Was macht Ihren Forschungsansatz oder Ihre Methodik besonders oder neuartig?
00:04:45: Wir versuchen in diesem Projekt die zuvor beschriebenen
00:04:50: Sarkomarten in maximaler Tiefe und Breite zu analysieren.
00:04:57: Also, wir versuchen
00:04:59: von einzelnen Sarkomzellen
00:05:01: vollständige genetische Profile zu erstellen.
00:05:05: Neben den genetischen Verfahren setzen wir auch
00:05:08: Verfahren der sogenannten Proteomik ein.
00:05:11: Also wir versuchen auch zu verstehen, wie die Ausstattung
00:05:15: solcher Tumorzellen hinsichtlich bestimmter Eiweiße aussieht.
00:05:20: Wiederum mit sehr hoher Auflösung und auch über den zeitlichen Verlauf hinweg.
00:05:26: Und schließlich versuchen wir auch moderne Verfahren der Bildgebung,
00:05:30: also zum Beispiel moderne Verfahren der Kernspintomografie, einzusetzen,
00:05:37: um das Phänomen der Tumorheterogenität besser zu verstehen.
00:05:41: Und schließlich versuchen
00:05:50: wir auch moderne Verfahren der Bildgebung, also zum Beispiel moderne Verfahren
00:05:55: der Kernspintomografie, einzusetzen, um das Phänomen der Tumorheterogenität
00:05:59: besser zu verstehen, während ein Patient mit einem neu
00:06:02: diagnostizierten Sarkom eine intensive Chemotherapie erhält.
00:06:06: Und wir können zum Beispiel erkennen, wie bestimmte Zellpopulationen,
00:06:12: die anfangs sehr klein sind, sich unter dem Druck
00:06:16: der Chemotherapie, die der Therapie, die der Patient erhält, verändern
00:06:20: und in ihrem Umfang zunehmen, und dann wahrscheinlich für ein Rezidiv
00:06:27: oder eine Metastasierung einer Tumorerkrankung, einer Sarkomerkrankung
00:06:31: verantwortlich sind.
00:06:33: Und wir haben auch erste Hinweise auf einzelne Moleküle,
00:06:37: einzelne Signalwege in den Tumorzellen, die verantwortlich sein könnten
00:06:42: für dieses Phänomen der zunehmenden Tumorheterogenität.
00:06:46: Welchen Einfluss kann Ihre Forschung konkret auf Patientinnen
00:06:49: und Patienten haben?
00:06:51: Also zum einen ist es wichtig, sich immer daran zu erinnern,
00:06:55: dass alle Fortschritte in der Diagnostik und Behandlung von Krebserkrankungen ,
00:07:01: zumindest meiner Auffassung nach,
00:07:04: in letzter Konsequenz auf Fortschritte der Grundlagenforschung
00:07:08: zurückzuführen sind.
00:07:09: Also wir müssen Krebserkrankungen besser verstehen, um Diagnostik
00:07:14: und Behandlung besser machen zu können.
00:07:15: Und das ist natürlich auch die Ambition unseres Projekts, des Heroes AYA
00:07:20: Projektes.
00:07:21: Tatsächlich haben wir erste Erkenntnisse gewonnen,
00:07:24: die sich direkt in klinisches Handeln übersetzen lassen.
00:07:28: Also wir haben zwei ganz bestimmte Moleküle identifiziert
00:07:33: bei einer bestimmten Subgruppe von Sarkomerkrankungen, die sich als
00:07:37: Ansatzpunkte für zielgerichtete Therapien eignen könnten.
00:07:42: Und um das zu testen, haben wir im Dezember des vergangenen Jahres
00:07:47: auch eine Therapiestudie initiiert, in die Patienten
00:07:50: mit dieser bestimmten Sarkomerkrankung eingeschlossen werden können.
00:07:54: Diese Therapiestudie prüft letztlich, ob unsere Hypothese korrekt ist.
00:07:58: Also letztlich
00:07:59: wollen wir den gesamten Weg gehen, von der Grundlagenforschung bis hin
00:08:02: zur klinischen Anwendung.
00:08:03: Das ist natürlich schwierig und steinig, aber dieses Projekt
00:08:06: bietet einen sehr guten Rahmen, um es zu versuchen.
00:08:09: Welche nächsten Schritte stehen an und worauf freuen Sie sich besonders?
00:08:13: Der nächste ganz wichtige Schritt ist tatsächlich
00:08:16: die Zusammenführung der unterschiedlichen Datenebenen.
00:08:19: Wir sprechen von Datenintegration, also das Zusammensetzen des umfassenden Bildes.
00:08:26: Und da sind wir sehr gespannt, wie letztlich
00:08:30: das integrierte Bild solcher Sarkomerkrankungen in der Breite,
00:08:34: in der Tiefe und auch über die Zeit hinweg aussehen wird.
00:08:38: Und natürlich sind wir auch sehr gespannt darauf,
00:08:42: ob sich aus diesem integrierten Bild dann neue Ansatzpunkte für weitere
00:08:47: zielgerichtete
00:08:48: Therapieverfahren ergeben könnten oder auch, ob sich daraus neue biologische
00:08:53: Fragestellungen ergeben könnten, die wir im Labor weiter bearbeiten können.
00:08:57: Also das ist auch in diesem Bereich ein sehr breites Feld.
00:09:01: Aber letztlich sind wir jetzt an einem Punkt angelangt,
00:09:04: wo wir durch das Zusammensetzen der Einzelteile hoffentlich
00:09:08: ein viel besseres Verständnis dieser hartnäckigen Erkrankungen haben werden.
00:09:13: Inwiefern hilft aus Ihrer Sicht die Zusammenarbeit
00:09:15: verschiedener Disziplinen in der Krebsforschung?
00:09:18: Ja, also die Zusammenarbeit der verschiedenen Disziplinen
00:09:21: ist nicht nur hilfreich, die ist absolut unabdingbar in so einem Projekt.
00:09:25: Ich selbst bin Mediziner.
00:09:26: Mir fehlen zum Beispiel Fähigkeiten
00:09:29: auf dem Gebiet der modernen Einzelzellbiologie.
00:09:33: Das heißt, hier brauche ich einen Partner oder ein Team von Partnern,
00:09:38: die diesen Aspekt ins Projekt einbringen können.
00:09:41: Ebenso bin ich kein Radiologe.
00:09:43: Ich hatte eingangs erwähnt, dass wir mit mit Kollegen zusammenarbeiten,
00:09:47: die den Aspekt der modernen Bildgebung mittels Kernspintomografie bearbeiten.
00:09:53: Das heißt, hier
00:09:54: brauchen wir diese Disziplin, um den Aspekt der Bildgebung abzudecken.
00:09:59: Und auch bei der Übertragung biologischer Erkenntnisse
00:10:04: in moderne Therapien sind wir auf Zusammenarbeit angewiesen,
00:10:08: weil das Konzipieren und Durchführen einer klinischen Studie
00:10:12: eine Wissenschaft für sich ist.
00:10:13: Da braucht es sehr viel Expertise und sehr viel Erfahrung von Leuten,
00:10:17: die tagtäglich klinische Studien durchführen.
00:10:20: Also Zusammenarbeit ist nicht nur hilfreich, sondern
00:10:24: eine essentielle Voraussetzung für das Gelingen des Projekts.
00:10:27: Welche Rolle spielt die Forschungsförderung
00:10:29: im Rahmen der Nationalen Dekade gegen Krebs für Ihr Projekt?
00:10:33: Das lässt sich ganz kurz beantworten.
00:10:35: Das ganze Projekt würde nicht existieren ohne die Nationale Dekade gegen Krebs
00:10:40: und ohne die wirklich großzügige Unterstützung des BMFTR.
00:10:44: Das ist ein sehr ambitioniertes Verfahren, ein sehr ambitioniertes Projekt
00:10:49: mit vielen Partnern.
00:10:50: Wir setzen Methoden ein, die kostspielig sind.
00:10:54: Und all das ist nur möglich, weil es, weil es eine Ausschreibung im Rahmen
00:10:59: der Nationalen Dekade gegen Krebs gegeben hat.
00:11:04: Was möchten Sie Menschen mitgeben, die sich für Krebsforschung interessieren
00:11:07: oder selbst betroffen sind?
00:11:09: Wenn Sie sich für Krebsforschung interessieren und sich informieren wollen,
00:11:16: würde ich daran appellieren, wirklich den Kontakt zu suchen.
00:11:19: Zum Beispiel zu Personen wie mir und vielen Kolleginnen und Kollegen,
00:11:23: weil es uns ein großes Anliegen ist, über Krebsforschung zu informieren.
00:11:28: Man kann sich aber auch darüber hinaus involvieren und auch dafür
00:11:31: ist die Nationale Dekade gegen Krebs ein Paradebeispiel.
00:11:35: Eine neue Entwicklung, eine sehr wichtige Entwicklung
00:11:38: in der Krebsforschung in Deutschland ist, dass Patientinnen und Patienten
00:11:42: als Partner in der Krebsforschung wahrgenommen werden
00:11:46: und wirklich als Partner in der Krebsforschung agieren sollen.
00:11:50: Das ist Leicht gesagt und gar nicht so einfach umgesetzt.
00:11:56: Aber auch das haben wir im Rahmen des Heroes AYA Projekts in Angriff genommen.
00:12:01: Wir haben eine Gruppe von Patientinnen und Patienten,
00:12:04: die Teil des Projektteams sind, die also wirklich auch
00:12:09: eigene Aufgabenpakete bearbeiten in unserem Projekt.
00:12:13: Mein Appell an die Menschen, die sich für Krebsforschung interessieren:
00:12:17: Bringen Sie sich ein.
00:12:19: Sprechen Sie diejenigen an, die die Krebsforschung
00:12:22: und auch die Krebsmedizin durchführen, um herauszufinden,
00:12:26: an welcher Stelle Sie sich
00:12:27: in welchem Umfang gewinnbringend in die Krebsforschung involvieren können.
00:12:31: Das war Tatort Krebs To Go.
00:12:33: Vielen Dank für das Gespräch.
00:12:35: Wenn Sie keine Folge der dritten Staffel verpassen wollen, abonnieren Sie gerne
00:12:38: und hören Sie auch mal in unsere bisherigen Folgen rein.
00:12:41: Weitere Informationen finden Sie in den Shownotes.
00:12:43: Ich bin Marlene Schäfer, Podcasthost der Nationalen Dekade gegen Krebs
00:12:47: und ich sage: Vielen Dank fürs Zuhören.
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