Folge 4: Magen- und Speiseröhrenkrebs: Neue Wege der Früherkennung – mit Prof. Dr. Jakob Linseisen | RISC-GAP

Shownotes

Willkommen zur vierten Folge der dritten Staffel „Tatort Krebs“ – dem Forschungspodcast der Nationalen Dekade gegen Krebs, einer Initiative des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt. In dieser Staffel stellen wir in kurzen To-Go-Folgen verschiedene Krebsforschungsprojekte aus dem Umfeld der Dekade vor.

In dieser Folge: Wie kann man Magen- und Speiseröhrenkrebs frühzeitig erkennen und dabei gleichzeitig unnötige Untersuchungen vermeiden? Dieser Herausforderung stellt sich das Forschungsprojekt RISC-GAP. Die Forschenden entwickeln eine risiko-adaptierte Früherkennungsmethode, mit der Hochrisikopersonen für Krebsvorstufen und frühe Tumore möglichst präzise identifiziert werden sollen. Neuerkrankungen und Todesfälle sollen so gesenkt und gleichzeitig Überdiagnosen und Überbehandlungen vermieden werden. Wie das gelingt und welches Potenzial dieser Ansatz für die Krebsfrüherkennung bietet, darüber haben wir im Interview mit Prof. Dr. Jakob Linseisen gesprochen.

Lesen Sie auch unseren Artikel mit weiteren Infos zum Projekt: https://www.dekade-gegen-krebs.de/de/wir-ueber-uns/aktuelles-aus-der-dekade/documents/raprisc-gap.html

Zur Projektwebseite von RISC-GAP: https://www.gesundheitsforschung-bmftr.de/de/risc-gap-risikoadaptierte-fruherkennung-von-magen-und-osophaguskrebs-und-deren-vorstufen-17747.php

Wir freuen uns sehr über Ihr Feedback und Bewertungen über die Podcast-Plattformen und über unsere LinkedIn-Seite: @Nationale Dekade gegen Krebs. Vielen Dank fürs Zuhören. 👂

Transkript anzeigen

Tatort Krebs, der Forschungspodcast der nationalen Dekade gegen Krebs.

In dieser Folge geht es um das Forschungsprojekt Risk Gap. Das Projekt entwickelt eine risikoadaptierte Früherkennungsmethode für Magen- und Speiseröhrenkrebs und deren Vorstufen. Ziel ist es, Hochrisikopersonen möglichst präzise zu identifizieren und nur sie gezielt zu einer Magenspiegelung als Vorsorgeuntersuchung einzuladen. So sollen Neuerkrankungen früher erkannt, Todesfälle gesenkt und gleichzeitig Überdiagnosen und Überbehandlungen vermieden werden.

Darüber spreche ich heute mit dem Projektleiter Professor Doktor Jakob Linseisen.

Wer sind Sie und was ist Ihr besonderes Talent?

Ja, mein Name ist Jakob Linseisen. Ich bin Professor für Epidemiologie an der Universität Augsburg. Ich interessiere mich für den menschlichen Stoffwechsel und die menschliche Gesundheit und führe seit langem epidemiologische Studien durch und nutze diese Daten. Das ist so mein Talent, würde ich auch sagen.

Was hat Sie motiviert, in die Krebsforschung zu gehen?

Eigentlich hat das begonnen mit meiner Einstellung am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Ich wurde eingestellt zur Mitarbeit in einer großen Kohortenstudie, die sogenannte EPIC-Studie. Da geht es um Ernährung und Krebs. Das war ein tolles Projekt, ein toller Einstieg für mich als jungen Wissenschaftler, Ernährung und Krebs zu verbinden, paneuropäisches Projekt, das war toll, wirklich, da habe ich sehr viel gelernt.

An welchem Projekt arbeiten Sie zurzeit und worum geht es?

Ja, zurzeit arbeite ich an einem großen Projekt zur Früherkennung von Krebs, und zwar von Magenkrebs und Speiseröhrenkrebs. Das Projekt hat den Namen RISGAP und um dieses Projekt geht es hier auch in dem Beitrag. Wir sind gerade im ersten Teil, also das Projekt hat zwei Phasen. Die ersten drei Jahre werden bestritten von zwei Gruppen aus dem Klinikum Augsburg und einer aus dem Deutschen Krebsforschungszentrum. Das ist zum einen das Institut für Epidemiologie, geleitet von mir, und die dritte medizinische Klinik, geleitet von Professor Messmann. Ich bin der Koordinator des Projekts und Herr Professor Messmann ist der medizinische Leiter des Projekts.

Alle kennen Früherkennungsprogramme, insbesondere Brustkrebs, auch Darmkrebs. Da werden also alle angeschrieben und zur Untersuchung eingeladen. Das macht bei Magenkrebs und Speiseröhrenkrebs nicht so viel Sinn, und zwar deshalb, weil die einfach seltener auftreten. Das Problem ist, dass Magen- und Speiseröhrenkrebs in der Regel sehr spät diagnostiziert werden, zu spät, sodass die Betroffenen letztlich eine schlechte Prognose haben. Würde man den Krebs oder die Vorstufen früh erkennen, dann wäre es gar nicht so, dann wären die Heilungschancen sehr gut. Und das ist genau der Punkt. Wir brauchen also eine Früherkennung, um möglichst früh diese beiden Krebserkrankungen zu finden und behandeln zu können. Aber weil es so selten ist, kann man einfach nicht alle Leute dazu einladen und deshalb müssen wir einen anderen Ansatz wählen.

Was macht Ihren Forschungsansatz oder Ihre Methodik besonders oder neuartig?

Ja, das Ziel des Projektes hier ist, eine Hochrisikogruppe zu definieren, zu finden und dann letztlich diese Leute einzuladen, um eine Magenspiegelung anbieten zu können und eben Schleimhautveränderungen früh zu erkennen. Dazu sind aber Vorarbeiten nötig, eine Reihe von Vorarbeiten. Der wichtigste Punkt ist, dass wir so einen Risiko-Score entwickeln müssen. Also sprich anhand von einigen Fragen erkennen müssen, ob jemand Hochrisiko für Magenkrebs und Speiseröhrenkrebs hat oder nicht. Dann prüfen wir in einer gerade laufenden Studie auch, ob dieser Score funktioniert. Das heißt aber wirklich, Personen identifiziert, die mehr Läsionen haben, die dann auch gleich behandelt werden können, und ob wenige übersehen werden, die tatsächlich auch welche hätten.

Und im Weiteren wollen wir auch noch versuchen, Biomarker zu finden, die uns bei dieser Definition Hochrisiko helfen. Das macht Herr Brenner am DKFZ und wir haben eine Gruppe, die sich speziell der Sichtweise von Patienten annimmt. Also, wir wollen gerne, dass die Patientenvertreter überall mitreden können. Das haben wir gemacht und es funktioniert wirklich sehr gut. Wir haben zwei sehr aktive Patientenvertreter und es ist wichtig, dass wir deren Sichtweise auch wirklich kennen und damit berücksichtigen können.

Was sind bisher Ihre wichtigsten Erkenntnisse und Erfolge im Projekt?

Der wichtigste Schritt war die Risiko-Score-Definition. Also wir konnten anhand von Daten aus der sogenannten UK Biobank, das ist eine große Studie in Großbritannien, die haben wir verwendet, und anhand dieser Daten konnten wir so einen Score identifizieren. Da ist also jetzt unter anderem: welches Geschlecht, welches Alter, haben sie Adipositas, brauchen sie die Familiengeschichte zu Speiseröhrenkrebs und Magenkrebs und so weiter. Und diesen Score verwenden wir jetzt, den wenden wir an in der jetzt laufenden Studie und werden sehen, wie die Ergebnisse sein werden, ob er eben differenziert zwischen Hochrisikopersonen und Nicht-Hochrisikopersonen.

Bezüglich der geeigneten Biomarker läuft die Suche ja auch auf Hochtouren, aber hier haben wir außer den bekannten Biomarkern, insbesondere Helicobacter pylori, noch keinen heißen Kandidaten gefunden.

Welchen Einfluss kann Ihre Forschung konkret auf Patientinnen und Patienten haben?

Die Patienten, die betroffen sind, die haben natürlich offensichtlichen Nutzen. Also Behandlung im frühen Stadium bedeutet gute Chance auf Heilung. In sehr frühen Bereichen, also prämaligne Veränderungen, kann das unmittelbar bei der Endoskopie durchgeführt werden. Das ist wirklich eine sehr deutliche Veränderung des Risikos bei den betroffenen Patienten. Und geheilte Patienten sind natürlich dann keine Patienten mehr. Also es ist völlig klar, dass das eine wichtige Bedeutung für die Gesellschaft und die Wirtschaft damit auch hat.

Das Problem dabei ist eigentlich, dass wir bei den Früherkennungsuntersuchungen Gesunde einladen und für den Gesunden ist die Bedeutung von Früherkennungsuntersuchungen oft nur abstrakt. Da steht manchmal auch im Vordergrund vielleicht, dass ja vielleicht doch ein auffälliges Ergebnis gefunden werden könnte. Da hat man vielleicht Angst davor, weil es natürlich Konsequenzen dann hat, von kleinen Konsequenzen bis größere Konsequenzen natürlich. Und es könnte also so eine Art Angst vor diesen Befunden entstehen, aber aus meiner Sicht ist das nicht korrekt. Wir müssten in der Kultur eine andere Sichtweise, einen anderen Umgang mit Prävention und Früherkennung pflegen. Also es ist beides positiv und da ist nichts Negatives dran.

Welche nächsten Schritte stehen an und worauf freuen Sie sich besonders?

Ja, also wie gesagt, der Score ist etabliert. Wir prüfen die Wirksamkeit von diesem Score und ich hoffe natürlich, dass in dieser laufenden Studie am Ende dann steht, dass der Score gut differenziert zwischen Personen mit hohem Risiko und niedrigem Risiko. Und vielleicht kommt bei den Biomarkern doch noch der Durchbruch und wir finden noch weitere charakteristische Biomarker. Wenn nicht, dann könnten wir auch mit dem jetzigen Score weitergehen und dann ist die Frage natürlich der praktischen Umsetzung. Also, wie können wir das so anbieten, so auch in der Praxis etablieren, dass es genutzt werden kann, also sprich die praktische Umsetzung, ja.

Inwiefern hilft aus Ihrer Sicht die Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen in der Krebsforschung?

Ja, also das ist ein gutes Beispiel, denke ich, dass wir interdisziplinär zusammenarbeiten müssen. Dieses Projekt ist ein Projekt im Kern der Epidemiologie und der Medizin. Beides muss zusammenfinden, damit hier ein Erfolg absehbar wird, aber das reicht noch nicht. Wir brauchen auch, in diesem Fall haben wir eine Psychologin dabei, die sich um diese Patientenbeteiligung kümmert, was wie gesagt sehr gut funktioniert. Wir haben auch Ethiker eingebunden, die sich mit ethischen Fragen beschäftigen. Da gibt es durchaus wichtige ethische Fragen und auch ein Gesundheitsökonom ist eingebunden, der die wirtschaftliche Seite da beleuchten wird. Die beiden Letzteren kommen erst im zweiten Schritt dazu, also wenn es wirklich um die konkrete Umsetzung auch gehen würde.

Welche Rolle spielt die Forschungsförderung im Rahmen der Nationalen Dekade gegen Krebs für Ihr Projekt?

Die Forschungsförderung im Rahmen der Nationalen Dekade gegen Krebs durch das BMFTR ist natürlich hier ganz essenziell. Solch ein Projekt kann ohne Forschungsförderung nicht durchgeführt werden. Also daran zu denken, dass wir das als Eigenmittel stemmen können, ist völlig unmöglich. Also man kann wirklich sagen, wir sind auf diese Forschungsförderung angewiesen, also ohne Förderung kein Fortschritt, so könnte man es auch ausdrücken.

Was möchten Sie Menschen mitgeben, die sich für Krebsforschung interessieren oder selbst betroffen sind?

Ja, im Prinzip will ich noch mal auf das hinaus: Wir wissen alle, wir geben sehr viel Geld aus für Therapien, für Therapie von Krankheiten, das gilt auch für Krebskrankheiten. Es wäre viel besser, wenn wir es nicht so weit kommen lassen würden. Deshalb vielleicht noch mal auch an dieser Stelle ein Votum für Prävention und Früherkennung. Prävention bedeutet gesunder Lebensstil und, würde ich sagen, auch Achtsamkeit für Körper und Geist. Und es sollte selbstverständlich sein, dass man sich um seine Gesundheit kümmert. Und das Kümmern heißt auch, an Früherkennungsuntersuchungen teilzunehmen.

Wir haben gar nicht so viele Früherkennungsmöglichkeiten. Aber dort, wo es etabliert ist und überprüft wurde, könnte man das wirklich sinnvollerweise nutzen. Also, ich denke, man sollte wirklich daran arbeiten oder wir müssen in der Gesellschaft daran arbeiten, dass wir Prävention und Früherkennung als etwas Positives sehen und nicht als vielleicht eine Bedrohung. Also, gerade wenn ich an Früherkennung denke. Also, dieses Projekt, das ich jetzt hier skizziert habe, ist ja nur ein kleiner Ausschnitt. Forschungsförderung ist sehr vielfältig, also für junge Wissenschaftler wirklich ein äußerst attraktives Tätigkeitsfeld und es gibt immer noch sehr, sehr viel zu tun, auch wenn große Fortschritte gemacht wurden in den letzten 10, 20 Jahren. Also es bleibt spannend und ich möchte gerne ermutigen, junge Wissenschaftler, in dieses Feld einzutauchen und mitzuarbeiten.

Das war Tatort Krebs to go mit Professor Doktor Jakob Linseisen vom Projekt RiskGap. Vielen Dank für das Gespräch.

Wenn Sie keine Folgen der dritten Staffel verpassen wollen, abonnieren Sie uns und hören Sie gern auch in unsere bisherigen Folgen ein. Weitere Informationen finden Sie in den Shownotes.

Ich bin Marlene Schäfer, Podcast-Host der Nationalen Dekade gegen Krebs, und ich sage vielen Dank fürs Zuhören.

Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulars stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten. Die Nutzung deines echten Namens ist freiwillig.